Mehr Freiheit, weniger Kontrolle – darauf freut sich Miriam Winkler, wenn sie ausgezogen ist. Die 19-Jährige wohnt seit Jahren im stationären Bereich der Diakonie Stetten. „Das reicht, darauf habe ich keine Lust mehr, ich bin eben einfach zu selbstständig geworden.“ Und so ist für die junge Frau selbstverständlich, „dass ich auch ausziehe, wenn ich nächstes Jahr eine Ausbildung anfange“ – auch wenn sie geistig behindert ist. „Ich habe keine Angst, allein zu wohnen. Ich kann mich wehren, ich habe ein großes Mundwerk“, sagt Miriam Winkler selbstbewusst und strahlt über das ganze Gesicht. Mulmig wird es ihr dann aber doch, als sie einen potentiellen künftigen Vermieter anrufen soll. „Das kann ich nicht, ich nuschele immer so am Telefon, da versteht mich keiner!“ Astrid Scharlau macht ihr Mut: „Das ist nur eine Trockenübung, es kann nichts schief gehen, wir sind unter uns!“
Astrid Scharlau von der Beratungsstelle der Diakonie Stetten im Familienzentrum Schorndorf leitet den ersten Kurs der ambulanten Wohnschule. Dort bereiten sich seit September fünf geistig Behinderte verschiedener Einrichtungen der Diakonie Stetten darauf vor, irgendwann alleine zu wohnen. Einmal in der Woche trifft sich die Gruppe im Diakonie-Regionalbüro in Waiblingen, um verschiedene Themen zu besprechen und praktisch zu trainieren. Diesmal steht die Wohnungssuche an. „Wo kann man nach einer Wohnung schauen?“ fragt Astrid Scharlau in die Runde. „Im Internet, in Zeitungen, Steckbriefe aufhängen, Freunde fragen.“ Langsam füllt sich das Flip-Chart. Dann sammeln die Teilnehmer zusammen, auf was sie achten müssen: „Quadratmeter, Preis, ob Kalt- oder Warmmiete oder ob die Wohnung einen Balkon hat.“ Es bleibt nicht bei trockener Theorie. Aufgeteilt in Gruppen, stöbern Andreas und Manuela im Internet, Sabrina und Tobias durchforsten die Wohnungsanzeigen in der Zeitung und Miriam telefoniert mit dem potentiellen Vermieter in Person von Astrid Scharlau.
Ein Jahr dauert das Schuljahr der ambulanten Wohnschule. Zu den wöchentlichen Treffen kommen Wochenende-Kurse und Seminare in der Trainingswohnung hinzu. „Das war toll! Das ganze Wochenende waren wir alleine, jeder hatte eine Aufgabe und nur Tobias hatte bisschen Heimweh“, berichtet Manuela Deisenhofen freudestrahlend. „Aber wir haben ihn getröstet und gesagt, dass er ja erstmal wieder zurück nach Hause kann. Dann ging’s!“ Demnächst möchten die Teilnehmer auch unter der Woche mit dem Weg zur Arbeit das Alleinwohnen in der Trainingswohnung ausprobieren. „Wichtig ist, dass die Teilnehmer selbst bestimmen, was sie lernen möchten“, betont Astrid Scharlau. „Wir wollen den Menschen Mut machen, sich auszuprobieren.“ Die ambulante Wohnschule sei ein Testfeld, um sich kennenzulernen, Perspektiven zu entwerfen und sich selbst zu entwickeln. Auch Eltern und Betreuern werden begleitet, damit auch sie lernen, dass ihr Schützling auf eigenen Beinen stehen kann. „Lange war es so, dass das Leben behinderter Menschen vorbestimmt war“, erzählt Astrid Scharlau. „Die neue Situation, sich selbst Gedanken zu machen, ist ein Prozess, der dauert.“
Viele behinderte Menschen selbst haben Hemmungen vor dem Schritt in die eigenen vier Wände. Durch vorheriges Üben sollen Ängste abgebaut werden und die Teilnehmer Sicherheit gewinnen. Geübt wird einkaufen, waschen, putzen, Mülltrennung, kochen. Ein Bankangestellter war schon zu Gast und hat erklärt, was ein Konto ist, wie ein Bankautomat funktioniert und dass die Bankmitarbeiter jederzeit Fragen beantworten und helfen. „Damit die Teilnehmer nichts vergessen und auch für später ein Nachschlagewerk haben, werden alle Themen, Unterlagen und Rezepte in einem Ordner gesammelt“, erklärt Astrid Scharlau. „Außerdem ist die Wiederholung des Gelernten extrem wichtig. Und die ganz unterschiedlichen Gruppenteilnehmer unterstützen sich gegenseitig.“
So erklärt Andreas Schradi, ein gewiefter Internetsurfer, Manuela was eine Suchmaschine ist. „Ich habe keinen Computer Zuhause, da kannst du mir noch viel beibringen“, meint Manuela. Sie wiederum macht Andreas, der noch Zuhause bei seinen Eltern in Fellbach wohnt, das Testwohnen in der Trainingswohnung schmackhaft – „ auch wenn es bei mir wohl erst in zwei Jahren soweit ist“, erklärt Manuela Deisenhofer, die derzeit in einer Pflegefamilie wohnt. „Aber ich habe seit Kurzem einen Freund – da wäre es schon auch toll, alleine zu wohnen. Ich will ja nicht in der Familie bleiben, bis ich 60 bin!“
Kontakt: Diakonie Stetten, Astrid Scharlau, Telefon 0 71 81-88 77 01.
Text/Foto: Tina Bauer
Kontakt: Diakonie Stetten, Astrid Scharlau, Telefon 0 71 81-88 77 01.
Text/Foto: Tina Bauer