Region Rems Murr

Neues Kursangebot: Ambulante Wohnschule für Menschen mit Behinderungen: Realistische Rahmenbedingungen um selbstständiges Leben zu trainieren

Wie führe ich einen Haushalt? Wie wasche ich die Wäsche richtig? Wie gestalte ich den Alltag? Menschen mit einer Behinderung lernen Dinge des täglichen Lebens am besten in der Praxis. Die ambulante Wohnschule hilft dabei: Mit dem Bildungsangebot unterstützt die Diakonie Stetten erwachsene Menschen mit einer Behinderung bei ihrem Schritt zu mehr Eigenständigkeit. Der erste Kurs startet am 12. September.

Im September werden die ersten Teilnehmer selbständiges Wohnen lernen und das Gelernte in der Praxis üben. Die Diakonie Stetten bietet mit dem im Rems-Murr-Kreis einmaligen Bildungsangebot behinderten Menschen die Möglichkeit zu mehr Selbstbestimmung. In wöchentlichen Kursen entwickeln die Betroffenen Wünsche und Vorstellungen über ihren weiteren Lebensweg: „Die Teilnehmer werden die Richtung des Kurses bestimmen“, sagt Projektleiterin Astrid Scharlau von der Schorndorfer Beratungsstelle im Familienzentrum über die flexible und offene Ausrichtung des Angebots.

Bislang bildeten der ambulante und der stationäre Bereich getrennte Angebote innerhalb der Behindertenarbeit der Diakonie Stetten. Die Wohnschule geht einen anderen Weg: Sie vermittelt praktische Lebenshilfe und gibt dem behinderten Menschen Sicherheit, um seinen Alltag fern des behüteten Elternhauses zu bewältigen. Die Eltern werden in den Prozess mit einbezogen: Mehrere Veranstaltungen, bei denen der Informations- und Erfahrungsaustausch zwischen Eltern, dem behinderten Angehörigen und den Projektleitern im Mittelpunkt steht gehören zum Kursprogramm.

Der Kurs begnügt sich nicht mit Theorie und Trockenübungen. Um realistische Rahmenbedingungen zu schaffen steht im Zentrum an der Devizesstraße in Waiblingen eine behindertengerecht eingerichtete und ausgestattete Trainingswohnung zur Verfügung, in der die Menschen mit einer Behinderung Anleitungen zum Selbständigsein erhalten: In ungezwungener Atmosphäre werden der Bezug zum Alltag und das Wohnen fernab des Elternhauses trainiert. Dazu gehört auch die Sensibilisierung für heikle Themen: So lernt der Mensch mit einer Behinderung in Theorie und Praxis, wie er etwa Handyfallen und Haustürgeschäfte erkennen und sich dagegen schützen kann.

Mit dem speziell konzipierten Erwachsenenbildungsangebot der ambulanten Wohnschule wendet sich die Diakonie Stetten an Menschen mit einer Behinderung, die entweder zuhause wohnen oder in einer Einrichtung leben und die sich verändern wollen. Veränderungen brauchen ihre Zeit, um zu funktionieren. Daher ist jeder Schritt wichtig, um hinterher sicher auf eigenen Beinen stehen zu können. Der Übergang von der Rund-um-die-Uhr-Betreuung zur freien Zeiteinteilung muss weich und fließend sein. Der selbständige Umgang mit Behörden und mit dem eigenen Geld will gelernt und gut vorbereitet sein. Diplom-Sozialpädagogin Astrid Scharlau, die die ambulante Wohnschule koordiniert berichtet von einem jungen Mann, bei dem sie die Ablösung vom Elternhaus intensiv begleitet und erlebt hat. „Für ihn war es am Anfang das wichtigste, sich langsam reinzufühlen und an die neue Situation rantasten zu können.“

Damit Probleme und Schwierigkeiten, die mit dem Alleinleben verbunden sind gar nicht erst auftauchen setzt die ambulante Wohnschule im Vorfeld an. Gemeinsam mit den späteren Bewohnern werden Strategien erarbeitet und Antworten auf Fragen gefunden, die während dem Lernprozess auftauchen können: Wie trage ich Konflikte aus? Wie schaffe ich es, mit anderen Menschen zusammen zu leben? Wie artikuliere ich meine Bedürfnisse? Wie gehe ich auf jemanden zu? Astrid Scharlau setzt dabei auf Kontinuität und gibt Impulse mit auf den Weg. Mit dem Ziel: „Am Kursende muss ein Blick in die Zukunft möglich sein.“ Entscheidend ist die Vorstellung, die der Mensch mit einer Behinderung mitbringt. „Es geht nicht darum, was wir denken, was für ihn gut ist“, sagt Astrid Scharlau.

Heidrun Gehrke

 

Info

Die ambulante Wohnschule gliedert sich in 30 Kursabende sowie drei Wochenend-Kompakt-Seminare. Die Kurse finden mit Ausnahme der Schulferien jeden Mittwoch Abend von 17 Uhr bis 20 Uhr in den Räumlichkeiten des Familienzentrums in Schorndorf oder in der Trainingswohnung in der Devizesstraße in Waiblingen statt. Die Gesamtgebühr für alle Kurse beträgt 250 Euro.

Interessenten können sich in der Beratungsstelle der Diakonie Stetten im Familienzentrum in Schorndorf direkt bei Projektkoordinatorin Astrid Scharlau unter Telefon 07181 / 88 77 01 melden. In einem ersten unverbindlichen Informationsgespräch wird geklärt, welche Vorstellungen beide Seiten haben und wie sie verwirklicht werden können.